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Der Geschmack des Lallinger Winkels – Most mit Geschichte

| Sabrina Diyaroglu
Apfelmost auf der Streuobstwiese

Der Most gehört zu den ältesten Getränken Mitteleuropas. Lange bevor industrielle Brauereien oder moderne Erfrischungsgetränke den Alltag bestimmten, war vergorener Apfel- und Birnensaft in vielen ländlichen Regionen ein selbstverständlicher und notwendiger Bestandteil des täglichen Lebens. Auch in Bayern hat der Most eine jahrhundertealte Tradition – besonders dort, wo Streuobstwiesen das Landschaftsbild prägen.

Bereits die Römer brachten Techniken des Obstbaus nach Süddeutschland. Im Mittelalter verbreiteten Klöster und Bauernhöfe den Anbau von Äpfeln und Birnen weiter. Most entstand dabei weniger aus Genussgründen als aus Notwendigkeit: Überschüssiges Obst musste haltbar gemacht werden, und vergorene Getränke waren oft länger lagerfähig und hygienischer als Wasser. Auf Bauernhöfen wurde der Most selbst gepresst, in Holzfässern vergoren und über den Winter im Keller gelagert.

Besonders in Regionen mit vielen Obstbäumen entwickelte sich Most über Generationen hinweg zum Getränk der Landbevölkerung. In Niederbayern gehörte er ebenso selbstverständlich zum Alltag wie Brot, Milch oder Bier. Je nach Gegend entstanden unterschiedliche Varianten – vom süßen, frischen Most bis hin zum kräftigen vergorenen Apfel- oder Birnenmost.

Der Apfelmost spielte im Leben der Bewohner des Lallinger Winkels seit jeher eine wichtige Rolle. Aufgrund seines vergleichsweisen milden Klimas galt die Region früh als „Obstgarten des Bayerischen Waldes“. Die zahlreichen Streuobstwiesen lieferten über Jahrhunderte hinweg große Mengen an Äpfeln und Birnen, aus denen Most, Schnaps oder Essig hergestellt wurden. Fast jeder Hof mit eigenem Obstbestand stellte früher auch Most her.

Mit der Industrialisierung und dem Wandel der Landwirtschaft verlor der Most im 20. Jahrhundert vielerorts an Bedeutung. Industriell produzierte Getränke verdrängten die bäuerliche Eigenherstellung, zahlreiche Streuobstbestände verschwanden. Erst in den vergangenen Jahrzehnten rückte die traditionelle Mostkultur wieder stärker ins Bewusstsein – auch als Teil regionaler Identität.

Im Lallinger Winkel wird diese Tradition bis heute sichtbar gepflegt. Ausdruck davon ist das jährlich stattfindende Mostfest in Lalling. Es gilt längst nicht mehr nur als Dorffest, sondern als kultureller Treffpunkt rund um Streuobst, Landwirtschaft und niederbayerischem Brauchtum. Im Mittelpunkt stehen dabei der Most selbst und die jahrhundertealte Kultur, die mit ihm verbunden ist.
Traditionell findet das Mostfest Ende Mai statt. Rund um den historischen Zehentstadel und den Dorfplatz kommen Vereine, Musikgruppen, Direktvermarkter und Besucher zusammen. Ausgeschenkt werden regionaler Apfel- und Birnenmost; daneben gehören auch traditionelle Speisen und Blasmusik zum Festgeschehen.

Ein besonderer Bestandteil des Mostfestes ist die Wahl der Deutschen Mostkönigin. Sie gilt offiziell als Deutschlands einzige Mostkönigin und repräsentiert seit den 1990er-Jahren die Mostkultur des Lallinger Winkels. Auch in diesem Jahr wird für die kommenden zwei Jahre wieder eine neue Mostkönigin gewählt.

Die Aufgabe der Mostkönigin geht dabei weit über einen rein repräsentativen Charakter hinaus. Sie vertritt die Region bei Veranstaltungen, Festen und Messen und macht auf die Bedeutung von Streuobstwiesen und regionalem Obstbau aufmerksam. Gleichzeitig steht sie symbolisch für eine Kulturlandschaft, die über Jahrhunderte gewachsen ist und heute vielerorts aufgrund von Generationenwechsel und Klimawandel unter Druck steht.

Das Mostfest im Lallinger Winkel zeigt deshalb vor allem eines: Most ist weit mehr als nur ein einfaches Getränk. Er ist Teil einer jahrhundertealten Alltags- und Obstanbaugeschichte – und jeder Schluck davon trägt im weiteren Sinne auch zum Erhalt unserer Streuobstwiesen bei.

 

Header-Foto: Visualisierung mit KI-generiertem Hintergrund,
Quelle Gruppenfoto unter der Linde: Bernhard Süß

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